Bei politischen Demonstrationen handelt es sich oft um ausgefeilte symbolische Konzepte, die sich bewusst komplexer semiotischer Strukturen bedienen ohne dabei künstlerische Ambitionen zu unterhalten. Vielmehr geht es um Repräsentationspolitik und Medienwirksamkeit. Ein Spiel zwischen AkteurInnen und Medienapparat: das Bild-Werden eines von vornherein als medial gedachten Ausdrucks. Im Zeitalter der Medien und des dadurch bestimmten gesellschaftlichen Bewusstseins müsste man sich also fragen, ob Performanz nicht zwangsläufig zu Performance wird.
Gerade im Zusammenhang mit politischen Demonstrationen ist die Visualisierung von Leidtragenden oder von Gewaltäußerungen ein besonderes Thema. Susan Sontag schreibt in ihrem Buch Das Leiden Anderer betrachten (2001): „Fotografien neigen dazu, was immer sie abbilden umzuformen; und etwas kann als Bild schön oder erschreckend oder unerträglich oder sehr wohl erträglich sein, was im wirklichen Leben alles dies nicht ist.“ Und genau diese Eigenschaft des Mediums Fotografie macht die wechselseitige Verwebung möglich, von bereits medial konzipierten Intentionen der Proteste und der Ausschlachtung bestehender Symboliken auf der einen Seite und deren Profit bringender journalistischer Verwertung und Rezipierbarkeit auf der anderen Seite. Gegenstand einer semiologischen Analyse dieser Kommunikationsstruktur wäre also das Machtgefälle von Zeichensender-, zu Zeichenfilter-, zu ZeichenempfängerInnenbewusstsein (innerhalb dessen, was der französische Philosoph Jean Baudrillard Hyperrealität nennt – aber für so etwas müsste eine andere Gelegenheit her).
Eine besondere Art der Leidensrepräsentation und ihre medialen Abwicklung findet man bei politischen Demonstrationen der In- haftierten eines Gefängnisses im bolivianischen Tiefland. Das Centro de Rehabilitación Palmasola ist ca. 20 Km südlich der Stadt Santa Cruz gelegen. Man spricht bei Palmasola über offenen Strafvollzug, was im ärmsten Land Südamerikas ein vollkommen auf sich selbst gestelltes Gefängnisdorf mit gemischter Bevölkerung bedeutet. Frauen, Männer, Kinder, Greise. Wer Geld hat, baut sich ein nettes Haus, mit Kabelfernsehen und Klimaanlage; wer kein Geld hat, schläft auf der Strasse. Es gibt Restaurants, Bars, Friseursalons. Es gibt Lynchjustiz, Mord und Totschlag und einen Exklusivvertrag über das Monopol zum Verkauf von Sodagetränken mit der Firma Coca-Cola. Dieser wurde von der Gefangenenselbstverwaltung eigenständig abgeschlossen. Der Staat mischt sich in Palmasola nicht ein. Die Wärter sind nur dazu da, die Tore von außen zu öffnen und die Schmuggelware zu taxieren. In diesem Mikrokosmos spiegeln sich die rohen Verhältnisse der bolivianischen Realität; und die Benachteiligten im Gefängnis sind diejenigen, die es außerhalb auch schon waren. Nur innen werden die Forderungen der Protestierenden mit einer besonderen Grausamkeit vorgetragen und Presse- und TV-Berichterstattung sind konstitutiv für ihr Stattfinden und ihre Logik. Aber: Es ist fragwürdig, welche Bedingungen ausschlaggebend dafür sind, dass die Presse diese Proteste nach außen vermittelt.
Die Aktionen sind meist von Momenten der Selbstverstümmelung geprägt. Die häufigsten Formen sind an hölzerne Kreuze Geschlagene, lebendig Eingegrabene oder Demonstrierende mit zugenähten Lippen. Es stellt sich die Frage, ob die Selbstverstümmelungen in diesen Fällen Ausdruck einer bis ins Äußerste getriebenen Verzweiflung darstellen oder ob sie vielmehr eine Notwendigkeit sind, um von der Presse überhaupt wahrgenommen (und somit erst gesellschaftlich wirksam) zu werden. Und zwar indem sie, um den Preis des extremen körperlichen Einsatzes, für Motive sorgen, welche von den sensationalistischen Medien mit Sicherheit als berichtenswert erachtet werden. Die Proteste in Palmasola werden wesentlich von ihrer eigenen Bildhaftigkeit getragen. Dabei wird auf erschreckende Weise deutlich, wie eine Ökonomie des Körpers mit einer Ökonomie der Zeichen in ein grausames Austauschverhältnis gerät. Indem es strukturell in der Bildproduktion und -vermittlung klare Rollenverteilungen gibt, zeichnet sich diese politisch höchst zweifelhafte Konstruktion umso deutlicher ab: Auf einer ersten Ebene wird eine Aktion konzipiert. Auf einer weiteren wird diese von möglicherweise dafür bezahlten anderen als Handlungstragenden durchgeführt (also von Leuten die noch ärmer dran sind als diejenigen, die ihre Rechte einfordern wollen). Die Dauer der Aktionen wird teilweise nur durch die Zeit der Anwesenheit von Presse- und TV-Reportern bestimmt. Die von den Aktionen geschaffene Szenerie wird durch die mediale Reproduktion zu einem Bild abstrahiert und im Wesentlichen auf ihre ikonographischen Codes (Kreuzigung, zugenähte Münder) zurückgeführt. Dabei wird der Bildausschnitt immer von den Reportern bestimmt. Der Fokus liegt demnach außerhalb der Verfügungsgewalt der Protestierenden bzw. Handelnden.
Die Bildhaftigkeit der Inszenierungen und die dabei stattfindende Implikation des durch den Protest bespielten Ortes generieren Paradoxa, die eine Umkehrung in der Bedeutungsproduktion erst ermöglichen. Im Falle der Kreuzigungen zum Beispiel geschieht die Gegenüberstellung eines konkreten Ortes mit einer gegensätzlichen symbolischen Ordnung. Indem sich Gefangene als Märtyrer (Jesusmotiv) darstellen, verkehren sie die ökonomischen, politischen und kulturhistorischen Verhältnisse des Ortes und ihrer Handlung selbst. Der spezifische Ort des Gefängnisses, sein Zusammenhang, wird durch den Raum der Forderung und seiner symbolischen Ordnung überlagert und aufgehoben. Diese symbolische Suspension bricht dabei die bestehende Logik und stellt ihre Ordnung sowie ihren Anspruch auf Wahrheit und Gerechtigkeit gezielt in Frage.
Innerhalb einer semiologischen Analyse wäre sowohl die Rolle der Medien für die bolivianische Öffentlichkeit als auch die der Kirche für die Inhaftierten zu berücksichtigen. Vor allem, wie sich eine mögliche (konfessionsbedingte) Konzeption von Schuld in den ikonographischen Verweisen widerspiegelt oder umkehrt. Und wie innerhalb dieser spezifischen Sprache des Protests und in ihrem Bild-Werden, eben das mediale Moment als Aussage zu einer eher politisierten oder unpolitisierten Möglichkeit der Rezeption führt.
Max Hinderer ist Künstler und lebt in Wien und Hamburg.