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Performance, Performance in Buch und Netz

Jens Kastner

Performance und Performanz darf man nicht verwechseln. „Performances können aus sozialen Ritualen bestehen, sie können als bewusste oder unbewusste Übernahme von Rollen erfolgen, Protest oder Konvention sein, profitversprechendes Business, reines Entertainment oder avantgardistische Kunst – in all ihren ,Inhalten‘ und Formen sind Performances kulturelle Praktiken, die erst in der Bezugnahme auf das soziale Feld, in dem sie stattfinden, verstehbar werden.“ (Klein/Sting) Ein wirklich beeindruckendes Schaubild über die Kontexte der Performace Art hat Gerhard Dirmoser erarbeitet. Nicht weniger aufwendig ist der Band von Carola Dertnig und Stefanie Seibold recherchiert, der bilderreich die verschiedenen Körperpolitiken und Subjektentwürfe österreichischer Performance-Kunst diskutiert. In die Kultur- und Sozialwissenschaften zog der Performance-Begriff ein, um das Verständnis von Kultur als eines Systems von Regeln als zu starr und zu statisch zurückzuweisen. Stattdessen setzten sich seit den 1960er Jahren Konzepte durch, die Kultur als eine Menge von Vorgaben zur Ausführung „performativer Akte“ fassten. Diese Schwerpunktverlagerung, die auch alltägliche Handlungen in die Analyse mit aufzunehmen ermöglichte, wurde als „performative Wende“ bezeichnet. „Performanz kann sich ebenso auf das ernsthafte Ausführen von Sprechakten, das inszenierende Aufführen von theatralen oder rituellen Handlungen, das materiale Verkörpern von Botschaften im ,Akt des Schreibens‘ oder auf die Konstitution von Imaginationen im ,Akt des Lesens‘ beziehen.“ (Wirth) Laut Wirth beruht die „performative Wende“ auf der Entdeckung, dass „sich alle Äußerungen immer auch als Inszenierungen, das heißt als Performances betrachten lassen.“ (Wirth) Damit wird der Performativitätsbegriff aber unendlich ausgeweitet und letztlich doch mit Performance gleichgesetzt. Dem folgt auch Erika Fischer-Lich- te, die dafür plädiert, den Theorien des Performativen eine ästhetische Theorie der Aufführung hinzuzufügen. In einer Ästhetik des Performativen ließen sich „Kunst, soziale Lebenswelt und Politik kaum voneinander trennen“. Soziale Auswirkungen misst sie den Performances aber trotzdem nicht bei: „Sie bedeuten vielmehr das, was sie vollziehen.“ Diese Haltung nennt Christian Janecke „essenzialistisch“ und „präsenzmetaphysisch“. Ihre VertreterInnen wie Fischer-Lichte setzten das (vermeintlich) Lebendige der Performance gegen das (angeblich) Erstarrte des Bildes. Das aber müsse nicht sein, so Janecke, und plädiert für einen transitorischen Bildbegriff. Eine andere Form der Transition, des Übergangs, hat Dieter Mersch im Sinn. Für ihn (in: Klein/Sting) markieren künstlerische Performances genau den „Übertritt der Kunst in den sozialen und öffentlichen Raum“. Diesen diskutiert er als Möglichkeit für eine neue Ethik des Ästhetischen. Judith Butler hatte die Perfomanz-Frage über ethische oder ästhetische Fragen hinaus getrieben und auf eine soziale Kategorie bezogen, auf Geschlecht. Nichts am Geschlechtersystem sei als gegeben anzunehmen, sagt sie (in: Wirth), die Zugehörigkeit zu einem Geschlecht sei eine durch und durch innovative Angelegenheit – „wenn auch ganz klar ist, dass Zuwiderhandlungen gegen den vorgegebenen Text durch abweichende Darstellungen oder nicht autorisierte Improvisationen strikt bestraft werden.“ Der Nachsatz betont den Zwangscharakter jeder Performance. Es lässt sich also nicht nur nicht nicht performen, sondern jede Performance unterliegt auch noch bestimmten Regeln (deren Verletzung sanktioniert wird). Ob die Performance dann performativ wirkt, also tut was sie sagt, ist eine ganz andere Frage.


Jens Kastner ist Soziologe und Kunsthistoriker und lebt in Wien.


Carola Dertnig und Stefanie Seibold (Hg.): Let’s twist again. Was man nicht denken kann, das soll man Tanzen. Performance in Wien von 1960 bis heute, Gumpoldskirchen 2006 (Dea Verlag).

Gerhard Dirmoser: Performance-Art Context,
www.asa.de/research/kontext/

Erika Fischer-Lichte: Ästhetik des Performativen, Frankfurt a. M. 2004 (Suhrkamp Verlag).

Christian Janecke: Performance und Bild – Performance als Bild, Berlin 2003 (Philo Verlagsgesellschaft).

Gabriele Klein und Wolfgang Sting (Hg.): Performance. Positionen zur zeitgenössischen szenischen Kunst, Bielefeld 2005 (transcript Verlag).

Uwe Wirth (Hg.): Performanz. Zwischen Sprachphilosophie und Kulturwissenschaften, Frankfurt a. M. 2002 (Suhrkamp Verlag)