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Raus aus dem Mainstream! Rein in den Mainstream!

Hegemonie erringen oder vermeiden?

Nora Sternfeld

Die Vokabel „Mainstream“ gilt geradezu als Schimpfwort in einem avancierten Segment des Kunst- und Theoriefeldes. Was dabei auffällt ist, dass die Kritik am Mainstream sehr oft gerade von jenen Gruppen der Gesellschaft geführt wird, die sich nicht an ihren Rändern befinden. Wer will schon Mainstream sein? Nicht die Mehrheitsgesellschaft. Die mehrheitsgesellschaftliche Distinktion im Kunstfeld arbeitet daran, den Mainstream zu meiden. Würde sie es nicht tun, dann wäre sie ja auch nicht mehr distinktiv. Natürlich ist „out“ sein „in“, wenn man herausstechen will aus der breiten Masse, zu der man gehört.

Aus der Perspektive marginalisierter Positionen stellt sich die Sache deutlich anders dar. Hier ist die Kritik am kulturellen Mainstream kein vorrangiges Problem. Kein Wunder – aus einer marginalisierten Perspektive besteht ja auch ein reales Interesse daran, einen Anteil an der gesellschaftlichen Definitionsmacht einzufordern und sich eben daher in diese hineinzureklamieren. Hinausreklamieren müssen sich marginalisierte Positionen nicht erst, denn da sind sie ja schon … Wenn sie allerdings zum Mainstream drängen wollen, dann werden sie nicht selten lächerlich gemacht (Wer will schon Mainstream sein?) und bestärken das gesellschaftliche Bild ihrer Marginalisierung. So funktioniert Distinktion und letztlich auch Ausschluss.

Nun ist das alles nicht ganz so einfach, gibt es doch tatsächlich unterschiedliche Tendenzen der Vereinnahmung und der scheinbaren Einschlüsse, die eigentlich nichts anderes als Formen der Normierung und wiederum des Ausschlusses sind: „Museum für alle“! Das ist keine politische Forderung, sondern museale Selbstdefinition seit dem 19. Jahrhundert – seitdem Napoleon aus dem postrevolutionären Louvre, der die enteigneten Gegenstände des Adels und der Kirche als Gegenstände „von allen“ proklamierte, einen Ort der organisierten nationalen Repräsentation gemacht hatte, die der gerade entstehenden Vorstellung der „Bevölkerung“ zum Zweck einer freiwilligen Selbstregulierung ihres Geschmacks und ihrer Sitten präsentiert werden sollten. Napoleons Hochzeit fand im Louvre statt – dem Ort, in dem fortan Herrschaft legitimiert und Identität fabriziert werden sollte. Die Geschichte des Museums „von allen“ war damit beendet, proklamiert wird seither das Museum „für alle“.

Gegenwärtig sind längst neue Logiken und Techniken implementiert, die die Beziehung zwischen dem Museum und der Vorstellung von „allen“ diversifizieren. Zwei nur scheinbar emanzipatorische Tendenzen scheinen hier besonders interessant: Einerseits soll das Museum nicht mehr nur „für alle“ da sein, sondern unter dem Schlagwort der „Partizipation“ zum Museum „mit allen“ werden und andererseits geht es unter dem Label „Herstellung von Sichtbarkeit“ immer wieder darum, das Feld der Repräsentation auf marginalisierte Gruppen der Gesellschaft zu erweitern. Aus der Perspektive von diesen „allen“ (gemeint sind offenbar marginalisierte Positionen, die bisher nicht als Teil von „allen“ – oder besser als Zielgruppen – gewonnen werden konnten), an die sich die neuen institutionellen Diskurse richten, bedeutet das, dass sie einerseits eingeladen werden, mitzumachen und andererseits als Objekte der Repräsentation zur Verfügung stehen sollen.

Deutlich zeigt sich das am Beispiel des Themas „Migration“, das in einem bestimmten Segment des Kunstkontexts ohne Zweifel „in“ geworden ist: Beispiele dafür sind etwa das groß angelegte Projekt Migration des kölnischen Kunstvereins 2005 oder die Ausstellung gastarbajteri – 40 Jahre Arbeitsmigration im Wien Museum Karlsplatz 2004 ebenso wie die unzähligen migrationspolitischen Perspektiven, die in zahlreichen zeitgenössischen Kunstkontexten eingenommen wurden. Mit dem Ausschluss migrantischer Repräsentation zu brechen, scheint mittlerweile schick zu sein und offenbar durchaus BesucherInnenzahlen zu bringen. Die scheinbaren Einschlüsse des Themas im Ausstellungsbetrieb gehen dabei mit realen Ausschlüssen in der Gesellschaft ebenso wie im Kunstfeld einher. Während marginalisierte Positionen in ihrer kulturalisierten und entpolitisierten Form Eingang in den Ausstellungskontext finden können, werden sie im gesellschaftlichen Zusammenhang und aus der Entscheidungsmacht darüber, was repräsentiert wird, weiterhin ausgeschlossen.

Wie kann unter diesen Bedingungen noch ein Plädoyer für die politische oder kritische Relevanz einer Arbeit in Museen, in Ausstellungen, im Mainstream aussehen? Wesentlich scheint hier eine Unterscheidung, die zahlreiche feministische Positionen seit den 1970er Jahren vorgenommen haben: Nämlich die Differenz zwischen Repräsentation im Sinn von Sichtbarkeit und jener im Sinn von Definitionsmacht. Das Museum „für alle“ sieht ebenso wie das Museum der „Partizipation“ und jenes der „Repräsentation marginalisierter Positionen“ keinen Raum für eine Veränderung der Definitionsmachtverhältnisse vor.

Wenn Ausstellungen, Kunsträume und Museen als Orte der Kritik begriffen werden sollen, dann scheint genau deshalb eine Perspektivierung auf Definitionsmacht notwendig. Denn die Definitionsmacht darüber, was sichtbar und sagbar ist – oder mit den Worten Jacques Rancières die „Praktiken und Formen der Sichtbarkeit“ –, ist genau das, was an diesen Orten geschieht, vorgenommen wird und daher auf dem Spiel steht. Und diese steht einem Teil der Gesellschaft zu und ist einem anderen verwehrt. So gibt es einen ganz bestimmten vorbehaltenen Platz für marginalisierte Gruppen und Positionen im Mainstream: den Platz der mehr oder weniger anderen „Kultur“. Als solche bereichernde und zerstreuende, wundersame und exotische Objekte sind marginalisierte Gruppen allerdings gefragt, dürfen bunte Bilder präsentieren, Mahlzeiten bereiten, Gesang und Tanz vorführen und die internalisierten Unterdrückungsverhältnisse zur Schau stellen. Der Kampf um Definitionsmacht besteht in der Strategie, diesen zugewiesenen Platz zu verlassen und das, was er nicht vorsieht, einzunehmen und einzufordern, nämlich Kritik und eine Subjektperspektive im Mainstream und gegen den Mainstream.

Genau in der Auseinandersetzung mit den Verhältnissen der Definitionsmacht scheint also die Möglichkeit von Kritik und von politischen Strategien im Mainstream zu bestehen. Worum es dabei geht, ist nicht einfach die bloße Herstellung von Sichtbarkeit, nicht einfach sichtbar zu sein, oder auch was sagen zu dürfen. „Rein in den Mainstream!“ zielt vielmehr auf das Ganze: auf die Definitionsmacht über das Sichtbare. Statt den Mainstream zu vermeiden, geht es dabei darum, in den Kampf darüber, was als sichtbar und sagbar gilt, einzutreten. Und das ist eben ein Kampf um Hegemonie, um Macht, um Umverteilung und auch um Enteignung der bestehenden Machtverhältnisse im Feld der Sichtbarkeit.


Nora Sternfeld ist Kunstvermittlerin, Kuratorin und Redakteurin des Bildpunkt. Sie lebt in Wien.