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Kritik an Ort und Stelle (Buch, Netz, Zeitschrift)

Jens Kastner

Fragt man nach Orten der Kritik im Kunstfeld, ist man vielleicht mit einer Topologie nicht schlecht beraten. Könnte man denken. Wir sollten ohnehin eher von „Kunstorten“ als von Kunstwerken sprechen, meint Boris Groys. Dem Museum aber komme „keine Definitionsmacht mehr“ zu. Groys geht es darum, die viel gescholtene individuelle Autorschaft wieder einzusetzen und „öffentlich zugänglich“ zu machen. KünstlerInnen, die sich der Sozialkritik widmen, sind nach Groys nur Leute, die die „volle Verantwortung“ für ihre angeblich souveränen künstlerischen Entscheidungen nicht übernehmen wollen. Allerdings heißt es ganz zu Beginn: „Das Kunstwerk ist eine Ware wie jede andere.“ Und am Ende: „Alle Kunst ist selbstverständlich politisch.“ So kommen wir nicht weiter. Michel Foucault hatte Kritik als jene Kunst beschrieben, „nicht derartig regiert zu werden“. Diese Formel nimmt Gerald Raunig im Webjournal transform zum Anlass zu betonen, dass Kritik nicht von einem vermeintlichen Außen angebracht werden kann und sich deshalb auch „nicht (allein) als Fundamentalkritik an Institutionen aktualisiert, sondern vielmehr als permanenter Prozess der Instituierung.“ Die ganze Ausgabe der Netzzeitung widmet sich der Frage, ob wir uns an die Institutionskritik erinnern. Dass diese Erinnerung manchmal gleich zur Installierung eines neuen Kanons führt, zeigt Stefan Nowotny am Beispiel der Schwerpunktausgabe von Texte zur Kunst, die mehr zu institutionalisieren als zu kritisieren scheint.

Im kritisierten Heft fordert Isabelle Graw immerhin dazu auf, „mit dem Glaubenssystem zu brechen, dessen Teil man zugleich ist“ und bezieht diese Aufforderung ganz ausdrücklich auf die Kunst. Documenta 12-Chef Roger M. Buergel meint im Hinblick auf Institutionen, die beste Kritik bestünde in ihrer Neuerfindung als „Orte emanzipatorischer Politik“. Allerdings spricht er sich dabei explizit gegen das angeblich „romantische Hofieren aktivistischer Bewegungen“ aus. Institutionen wären aber keine, wenn sie nicht ein gewisses Maß an Dauerhaftig- und Behäbigkeit aufweisen würden. Insofern erscheint die Idee der Neuerfindung deutlich romantischer als z.B. die der Nutzung unabhängiger Orte wie alternativer Medien. In der aktuellen Ausgabe von Arranca!, Zeitschrift der Berliner Gruppe Für eine linke Strömung (FelS), wird die Kritik an den Verhältnissen in den Forderungen nach Existenzgeld und Globalen Rechten gebündelt. Eine ganze Reihe kritischer Positionen findet sich auf der Seite LinksNet.de, einer Kooperation von dreißig linken Zeitschriften aus dem deutschsprachigen Raum.

„Über den Status der Medien nachzudenken, bedingt eine – zum Teil scharfe – Kritik“ schreibt die Redaktion der Zeitschrift Testcard in ihrer aktuellen Ausgabe zum besagten Thema. Das schließt die Selbstkritik mit ein. Denn die Krux mit der Medienkritik besteht darin – wie Christoph Jacke und Sebastian Jünger in ihrem Testcard- Beitrag (Die Kritikindustrie) schreiben –, dass sie nur noch „Quoten, Leseraten, Zitationen, Image oder Aufmerksamkeit bringt“, statt revolutionäre Kräfte der Veränderung freizusetzen. Ähnliches lässt sich wohl auch von der Kunstkritik behaupten. Das heißt aber gerade nicht, wie Groys in normativer Hinsicht glaubt konstatieren zu können, dass sie ihre „gesellschaftliche Rolle verloren“ hat.


Jens Kastner ist Soziologe und Kunsthistoriker und lebt in Wien.


Arranca! Für eine linke Strömung
, Nr. 34, Richtungskämpfe und Straßenforderungen, Frühling 2006, Berlin,
http://arranca.nadir.org/arranca/

Boris Groys: Topologie der Kunst, München, 2003 (Carl Hanser Verlag).

LinksNet,
http://www.linksnet.de

Testcard. Beiträge zur Popgeschichte, Nr. 15, The Medium is the Mess, April 2006, Mainz (Ventil Verlag),
http://www.testcard.de/

Texte zur Kunst, Nr. 59, Institutionskritik, September 2005, Berlin, 15. Jg., http://www.textezurkunst.de/

Transform multilingual webjournal 2006: do you remember institutional critique?, 1/2006,
http://transform.eipcp.net/