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Die IG BILDENDE KUNST ist die Interessenvertretung der bildenden Künstler_innen in Österreich. Wir initiieren kulturpolitische Debatten und intervenieren in Entscheidungsprozesse, die Auswirkungen auf Arbeit und Leben bildender Künstler_innen haben. Unsere Aktionsfelder sind Kunst, Politik, Service und Zeitung. Wir fordern: Freiheit der Kunst! Recht auf soziale Rechte! Bleiberecht für alle! Gleiche Rechte für alle!

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Wir haben keine Linie, wir sind reine Kurven

María Galindo / Mujeres Creando

Die Mujeres Creando haben in unserer Gesellschaft neue Formen entwickelt, Politik zu machen. Sie haben sowohl andere Szenerien eröffnet, als auch andere thematische Räume, von denen aus diese Politik gemacht werden kann. Ein bisschen näher dran an und doch jenseits von der einheitlichen, exklusiven und zwanghaften Beziehung zum Staat. Und der Forderung-Opfer-Konzession ent entkommen, die die einzige ist, in der sich die sozialen Bewegungen historisch eingerichtet haben.

Wir verorten uns inmitten der sozialen Empfindsamkeiten und verständigen uns aus den Zonen der Wünsche und der Schmerzen der Gesellschaft heraus mit allen vorstellbaren sozialen Sektoren. Dabei ist es uninteressant, ob wir vier Verrückte sind, und es ist uninteressant, ob wir uns als aufmüpfige Stimme der Etikette der Marginalisierten oder der Minderheiten bedienen, denn weder wünschen noch versprechen wir uns etwas von irgendeiner Mehrheit. Wir verfallen nicht in Bekehrungseifer und daher appellieren wir nur an den Ungehorsam und an die Provokation.

Wir sind ein rebellischer Bezugspunkt, der keine Altersgrenze und keine Grenzen der Hautfarbe oder des Geschlechts hat, wir sind die Besonderheit der Rebellion, der Infragestellung und des Vergnügens, die sich aus unseren störrischen, hysterischen und konstanten Übertretungen nähren und die den unterirdischen Weg öffnen, der hinein in alle und heraus aus allen sozialen Institutionen führt, inklusive auch – ja, tatsächlich – der Kirche.

„Homo sein ist eine Option, korrupt sein ist Degeneration“

Gerade angesichts der ganzen Homophobie und ihr zum Trotz, die uns dazu gebracht hat, uns als Bewegung von Lesben zu kategorisieren, haben wir diese Schemata Hunderte Male transzendiert, ohne davon abzulassen, alle Identitäten auszuüben, die uns bewohnen, und sie öffentlich zu feiern. Wir sind eine Bewegung von „Indias, Huren und Lesben, Aufständischen, Zusammen- und Dazugehörigen“. Das soll heißen, dass wir nicht dem Ruf der Bejahung der Differenz folgen, stattdessen machen wir aus der Differenz einen Brocken, der sich zu einer Solidaritätsbeziehung mit anderen Differenzen vervollständigt, während er die Trennungen des Hasses verwischt, die das Patriarchat uns als eigene anzunehmen beibringt.

„Ein Penis, welcher Penis auch immer, ist immer eine Miniatur“

Gerade angesichts der sozialen Misogynie und ihr zum Trotz, die uns vorgeblich als eine Männer hassende Bewegung einordnet, ergreifen unser Diskurs und unsere Hände frecher Weise den vom Mann zur Humanisierung geheiligten Körper und dies ruft explosive Debatten unter Vätern, Priestern, Polizisten, Brüdern, Nachbarn, Freunden und Geliebten hervor.

„Wir wollen das gesamte Paradies, nicht 30% der neoliberalen Hölle“

Der Neoliberalismus hat es bewerkstelligt, die sozialen Bewegungen bis zu dem Punkt zu domestizieren, dass jede und jeder einem bestimmten Skript an Forderungen und Thematiken zu folgen hat und auf diese Weise entstand auch eine Agenda vermeintlicher Frauenrechte. In diese Agenda haben wir nie eingewilligt, denn wir sind keine Bewegung, die Frauenrechte und Räume innerhalb des Systems einfordert und deshalb reagierten wir so heftig auf die Forderung nach Quoten, die die Frauen den Parteien abverlangten. Wir haben uns auf die unvollendete Anstrengung konzentriert, die Formen der Repression zu analysieren, eine Repression, die auf unserer Gesellschaft lastet, verstanden als etwas, das die Unterordnung der Frauen determiniert und das zum Teil nicht gesehen werden kann, wenn nicht die Privilegien der Ethnie, des Alters und der sexuellen Vorlieben angegangen werden, als wenn alle Frauen gemeinsame Interessen hätten, die in der Biologie unserer Körper gründen.

Wir sind und waren Teil der sozialen und politischen Prozesse, die den Kämpfen Kreativität und expressive Kraft geschenkt haben: Und so sind wir auch gegen den Strom durch die Straßen von El Alto und La Paz marschiert und haben ihnen diese über alles geliebte Sätze geschenkt:

„Die Huren machen deutlich und erklären, dass weder Sánchez de Lozada noch Sánchez Berzaín ihre Söhne sind!“[1]

„Die Utopie ist blind und geht stolpernd, sie ist stumm und spricht schreiend, ihre Haut ist so weiß wie braun und sie ist unsere …“

„Wir haben keine Linie, wir sind reine Kurven“


Maria Galindo ist lesbische Feministin und seit ihrer Gründung 1992 Mitglied der Gruppe Mujeres Creando. Sie lebt in La Paz/Bolivien.
(Übersetzung aus dem Spanischen: Jens Kastner)

Die Mujeres Creando haben ein selbstverwaltetes Zentrum namens Virgen de los Deseos, in dem es auch eine Unterkunft gibt, in der übernachten kann, wer durch das Land reist. Mehr Informationen über die Mujeres Creando: www.mujerescreando.org oder www.muejerescreando.com Kontakt: mujerescreando(at)alamo.entelnet.bo


[1] Gonzalo Sánchez de Lozada Bustamante war 1993–1997 und 2002–2003 Präsident von Bolivien. Carlos Sánchez Berzaín galt als seine rechte Hand und war als Minister verantwortlich für die mehr als 80 Toten, die der „Krieg ums Gas“ im September und Oktober 2003 gefordert hatte. Die sozialen Proteste, die zum Sturz des Präsidenten führten, richteten sich einerseits gegen die günstigen Export-Bedingungen für den Spanischen Konzern REPSOL, andererseits allgemein gegen das auf Druck des IWF erlassene Energiegesetz. (J. K.)


Die Straßenaktionen der Mujeres Creando werden in unregelmäßigen Abständen in den Sendungen von anschläge tv auf okto ausgestrahlt. Programminfo und Web-TV unter www.okto.tv/anschlaege