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Eine Welt ohne Kritik wäre wie eine Semmel ohne Butter. Für manche ungenießbar, für andere die Befreiung von lästigen Bei-, Zu- und Untaten. Bei einer Semmel ohne Butter wüsste man nie, auf welche Seite sie fallen würde. Die Kritikbutter würde die Semmel auf eine Seite ziehen. Oder doch nicht? Semmeln fallen, werden gestoßen, geworfen, gespuckt und geschluckt. Abgefangen. Zurückgeworfen. Genossen. Zerfließen auf der Zunge. Heruntergewürgt. Steigern den Adrenalinspiegel. Im Wohnzimmer, am Heldenplatz, in der Straßenbahn, im Selbst. Offenbart Standpunkte, Hintergründe und Perspektiven. In Kontexten. Mustern. Unterscheidungen. Beziehungsgeflechten. Die Gestaltung eigener Realitäten als Bedingung? Alles, von immer kleiner werdenden XL-Hemden bis hin zu Repräsentationspolitiken, von Förderungspolitken bis hin zu Möglichkeiten der Selbstbestimmung.
Ist Kritik das Salz in der Suppe? Die Semantik zur Syntax? Der Diskurs zum Diskurs? Die Butter zur Semmel? Gewissheit. Verwirrung. Vertrautheit. Ignoranz. Umgang. Hass. Auch Liebe. Einschluss. Zukunft. Fall. Vergessenheit. Macht. Präpotenz. Unsicherheit. Die Verortung liegt in der Sprache. Was immer Sprache auch sein soll. Das hängt vom Ort des Sprechens ab, von der Intention des Sprechens, von der Kontextualisierung des Sprechens. Von der Entscheidung es gerade Jetzt und Hier zu tun.
Die Norm der Kritik, an der alle Kritikpraxen gemessen werden. Abweichende Stimmen werden wirksam mundtot gemacht. Aus Angst. Wo bleibt eine machtvolle Kritik der abgewerteten, stumm gemachten, nur von wenigen gehörten Kritik? Es braucht die Umgestaltung der Orte. Neue Orte der Produktion und Neue Orte der Rezeption. Und die Orte dazwischen. Die Butter kann im Fall abgeschleckt werden. Oder schon vom Messer. Der neue dynamische Ort des Semmelfalls. Der waghalsige Ort im Messerschwung. Die Semmel fällt trotz allem nicht immer auf die bebutterte Seite. Der freie Fall wird umgeleitet. Das Sicherheitsnetz als neu geschaffener Ort. Gewoben aus feinem Kritikgarn. Stillschweigend vorausgesetzt gewoben schafft es neue Orte mit neuen Diskursen und Umgängen. Eine Neu-Strukturierung der Semmel im Fall schafft auch strukturierende Strukturen. Einverleibung von vorkonstruierten Objekten? Generierung und Strukturierung von gesellschaftlichen Praxisformen? Kritik als generierte und generierende Struktur, welche die soziale Realität verobjektiviert. Kritik ist nicht. Sie schafft das Objekt der Kritik, kann es subjektivieren. Deskriptive Verschmelzungen mit präskriptiven Differenzierungsprinzipien. Die offene Frage dabei ist: Was läuft da eigentlich wie ab? Wird das abgeschleckte Messer schärfer? Stumpfer? Wird es aus der Hand gestoßen und übernommen? Wo bleibt die Offenlegung des Konstituierungsaktes des neu geschaffenen Ortes mit den neuen Praxen? Wo die symbolische und real wirksam werdende Festschreibung des neuen Buttermessers? Abschluss: Weg von Orten des Anstands. Weg von Orten der Ausgewogenheit, der Objektivität und der guten Sitten. Weg von der Semmel! Mit oder ohne Butter. Hin zum Fall der Semmel und zum streichenden Messer.
Vlatka Frketić beschäftigt sich mit queer politics im Antirassismus und lebt in Wien.
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