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Kritik, hatte Marx einst gemahnt, dürfe nicht nur „Hirntätigkeit“ sein. Sie müsse praktisch werden. „Die Sache hätte klappen können“ merken Die Goldenen Zitronen auf ihrer aktuellen CD Lenin beim Besuch an dessen letzter Ruhestätte an. Ein skurriler Ort, an dem anscheinend vor allem ein Motto gilt: „Nicht stehenbleiben.“ Orte der Kritik, das Thema dieser Bildpunkt-Ausgabe, meint zweierlei: Orte, von denen Kritik ausgeht und solche, die zu kritisieren sind. Nicht selten handelt es sich dabei allerdings um ein und denselben. Bestimmte Institutionen im künstlerischen Feld kommen gar nicht mehr aus ohne den Nimbus des „Kritischen“, wodurch fundamentale Kritik an den Verhältnissen nicht selten absorbiert und „vereinnahmt“ wird. Auf der anderen Seite haben aber auch Orte, von denen „traditionell“ Kritik ausging – die Straße, der Kiez/das Barrio, die Akademie – einen Strukturwandel erfahren, so dass auch auf sie nicht mehr unbedingt zu rechnen ist. Was aber ist das überhaupt noch mal: Kritik? Die über 200jährige philosophische Debatte darüber hier abbilden zu wollen, wäre wohl etwas zu dick aufgetragen. Mit Max Horkheimer aber lässt sie sich dennoch als normative Idee oder Haltung fassen – wie er es für die Kritische Theorie formuliert hat –, der nichts anderes zu Grunde liegt „als das mit ihr selbst verknüpfte Interesse an der Aufhebung des gesellschaftlichen Unrechts.“
Mit der Frage, was das dann konkret bedeutet, beschäftigen sich verschiedene Beiträge dieses Heftes. So diskutiert Marius Babias die Bedingungen, unter denen „Kritische Kunst“ sich heute zu formieren hat und die Frage, wie weit man dabei bereit ist zu gehen. Darauf pauschale Antworten zu geben, ist unmöglich: Das zeigt zum einen Nora Sternfeld, die die jeweiligen Ausgangsbedingungen für Kritik als entscheidend für die daraus erwachsenden Forderungen beschreibt. Und zum anderen schildern Alice Creischer und Andreas Siekmann anhand ihrer eigenen Arbeit, wie situations- und kontextabhängig Entscheidungen für oder gegen Institutionen und die an oder in ihnen geübte Kritik sein können. Orte der Kritik seien daher auch weniger in bestimmten Einrichtungen zu suchen, als vielmehr als Ethik zu verstehen. Mit konkreten Räumen hingegen beschäftigen sich Bildbeiträge von Kristina Haider und Anja Salomonowitz, die Prozesse der Produktion oder Verhinderung von Kritik thematisieren. Wie Creischer/Siekmann nimmt auch Maria Galindo die eigene Arbeit zum Anlass ihrer Reflektionen, in denen sie das bolivianische Frauenkollektiv Mujeres Creando aus der Perspektive der lesbisch-feministischen Aktivistin verortet. Aus einem kunsthistorischen Blickwinkel bespricht Sabeth Buchmann die Praxen der Institutionskritik jenseits der häufig vereinfachenden Polarisierung von Kritik und Affirmation. Zwischen diesen verschiedenen Polen von Aktivismus und Theorie, Kunstpraxis und Kunstgeschichte, findet auch das Gespräch der Redaktion mit Lisl Ponger und Elke Krasny statt. Und wie immer werden in einem separaten Beitrag relevante Veröffentlichungen zum Schwerpunktthema vorgestellt. Auch die Kulturpolitik im Innenteil fällt nicht völlig aus dem thematischen Rahmen, geht es doch in allen Texten – es schreiben Ariane Sadjed und Sylvia Köchl, Clemens Christl und die IG Bildende Kunst – auch um die materiellen Grundlagen kritischer Verortungen. Vlatka Frketic´ hat wieder die Glosse verfasst, die Bildstrecke hat Patricia Reschenbach gestaltet. Zur Frage, was jenseits revolutionärer Mausoleen noch klappt, also mehr in diesem Heft. Auch hier gilt sicherlich irgendwie: Nur nicht stehenbleiben!
Jens Kastner, Koordinierender Redakteur
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