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Fadaiat in Spanien und Marokko

Grenzrealitäten zwischen touristischer und migrantischer Bewegung

Luisa Ziaja

Die jüngsten Ereignisse in den spanischen Enklaven Ceuta und Melilla an der nordafrikanischen Küste führen drastisch vor Augen, was an den Schengen-Außengrenzen seit Jahren blutige Realität ist: Täglich sterben Menschen bei dem Versuch die Europäische Union zu erreichen – ertrinken, verdursten, ersticken. Auch Gewaltanwendungen seitens der Grenzpolizei sind Regel und nicht Ausnahme, wie ein aktueller Untersuchungsbericht der Organisation Ärzte ohne Grenzen zur Situation an der spanischmarokkanischen Grenze zeigt.[1] Seltener allerdings ist die Gewalt Europas so entlarvend sichtbar geworden, wie durch die tödlichen Schüsse auf Flüchtlinge, die die Grenzanlagen zwischen Marokko und spanischem Territorium mit selbstgebauten Leitern zu überwinden suchten.[2] Seit Jahren rüstet die EU die Schengen-Außen– grenzen auf, um unliebsame MigrantInnen möglichst am Übertritt und damit auch am Asylantrag zu hindern: Schutzwälle, meterhohe Zäune, Verteidigungsanlagen, Infrarotkameras, Radarsysteme und nicht zuletzt bewaffnete Grenztruppen werden massiv auch an der so genannten Frontera Sur, der Südgrenze Spaniens eingesetzt. [3] Neben den Enklaven ist vor allem die Meerenge von Gibraltar, wo lediglich 14 Kilometer zwischen Afrika und Europa liegen, seit jeher ein bevorzugtes Ziel des illegalisierten Grenzübertritts. Jährlich wagen hunderte Flüchtlinge aus dem Maghreb und besonders aus den Staaten der Sub-Sahara die riskante Überquerung der Meeresstraße auf oftmals kaum seetüchtigen Schiffen und aufgrund der verschärften Sicherheitsmaßnahmen sogar in einfachsten Schlauchbooten. Schätzungen zufolge sind dabei zwischen 1991 und 2004 bis zu 14 000 Menschen ums Leben gekommen. Wie Helmut Dietrich vom Forschungszentrum Flucht und Migration (FFM) in Berlin in seinem Bericht „Das Mittelmeer als neuer Raum der Abschreckung. Flüchtlinge und MigrantInnen an der südlichen EU-Außengrenze“ feststellt, „handelt es sich bei der Meerenge von Gibraltar um das größte Massengrab Nachkriegseuropas“.[4]

Diese von struktureller Gewalt zwischen High-Tech-Überwachungssystemen und täglichem körperlichem Widerstand zutiefst geprägte Grenzregion ist aber auch Schauplatz eines transkontinentalen Projekts, das vergangenen Juni zum zweiten Mal stattgefunden hat. Fadaiat, im Arabischen gleichermaßen die Bezeichnung für das Durchschreiten von Räumen wie auch für Satelliten-Anlage und Raumschiff, ist der Titel dieser disziplinübergreifenden Veranstaltung, zu der über 150 KünstlerInnen, AktivistInnen und TheoretikerInnen aus Europa und Nordafrika in Tarifa (Südspanien) und Tanger (Marokko) zusammentrafen.[5] Der Untertitel Freedom of Knowledge/Freedom of Movement wird hier programmatisch verstanden, ist angesichts der lokalen Lebensrealitäten aber auch eine große Herausforderung für die InitiatorInnen, die von den spanischen NetzaktivistInnen hackitectura, Indymedia-Estrecho und lokalen MigrantInnenorganisationen bis hin zu einem EU-Vernetzungsprojekt namens D-A-S-H reichen. Ein zentrales Element der Fadaiat-Konferenz ist ein WiFi-Link von Tarifa nach Tanger, der die vor Ort arbeitenden Gruppen kurz- und den „Technology-Gap“ zwischen Europa und Afrika schließen soll. Wie Pablo de Soto, einer der Organisatoren schreibt, geht es Fadaiat jenseits eines symbolischen Nord-Süd- Freenetwork-Links darum, als temporäres no-border-media-lab das dauerhafte Interface eines alternativen öffentlichen (Medien- )Raumes zu schaffen. Und damit Raum zu schaffen für kritische Perspektivierungen von Themen wie Migrationspolitik, Herrschaftsverhältnisse und strukturelle Rassismen in der Festung Europa oder prekäre Arbeits- und Lebensbedingungen, gleichzei- tig aber auch für die konkrete Entwicklung von Allianzen zwischen MigrantInnen und so genannten „immaterial-cognitive workers“ (AktivistInnen, KünstlerInnen, TheoretikerInnen). Bewusst flexibel und modular konzipiert, sollten die Workshops, Vorträge, Screenings und Performances der Borderline Academy[6] auf Basis des Austausches von Wissen und dem gemeinsamen Erarbeiten von Strategien der Kollaboration, sowie der Entwicklung und Nutzung von open source und shareware neue Ebenen der Vernetzung eröffnen. Gelungen ist es, jenseits eines technologiefixierten „geek“-Events, reale Gesprächs- und Austauschsituationen herzustellen – möglicherweise hat sich die Idee des Laboratoriums am greifbarsten in einer ad-hoc-Konferenz zu Begriffsdefinitionen von Collectivity, Digital Orientalism, Neurope über Piracy bis hin zu Takeover manifestiert. Zugleich scheint aber der transkontinentale Aspekt des Unterfangens angesichts zumeist aus europäischer Perspektive geführter Diskurse buchstäblich aus dem Blick geraten und das Bewusstsein um die Differenz zwischen (europäischer) touristischer und (afrikanischer) migrantischer Bewegung abhanden gekommen zu sein. Und so forderte die Kritik an der Veranstaltung für Fadaiat 2006 eine intensivere Auseinandersetzung mit und reales Arbeiten an einer Kooperation, die die afrikanischen PartnerInnen aus einer Subjektposition heraus wesentlich mitbestimmen. Die Etablierung von Indymedia Estrecho/Madiaq als erstes transkontinentales Projekt, einer Initiative, die im Übrigen sehr aktiv an der Sichtbarmachung der jüngsten Entwicklungen arbeitet, geht da als gelungenes Beispiel voran.[7]


Luisa Ziaja ist Kuratorin und Kunstkritikerin und lebt in Wien.


[1] Vgl. Ärzte ohne Grenzen: Afrikanische Einwanderer an der Spanisch- Marokkanischen Grenze: Jeder vierte Patient von Ärzte ohne Grenzen ist Gewaltopfer, Pressemitteilung vom 29. 09. 2005, www.aerzte-ohne-grenzen.at/site/global/press.html

[2] Allein am 29. 09. 2005 starben laut eines Berichtes von Amnesty International mindestens fünf Menschen bei dem Versuch mehrerer hundert Flüchtlinge, die spanischen Grenzanlagen in Ceuta zu überwinden. Alle Opfer wiesen Schusswunden auf, deren Herkunft weiterhin ungeklärt ist. Es wird angenommen, dass sie sowohl von spanischer wie marokkanischer Seite beschossen wurden. Einen Monat zuvor erlagen zwei Migranten aus Kamerun den Verletzungen durch Gummigeschosse der spanischen Guardia Civil beim Grenzübertritt in Melilla. Vgl. Spain/Morocco: Migrant rights between two fires, Public Statement Amnesty International, 03. 10. 2005, web.amnesty.org/library/index/engeur410112005

[3] Das mit EU-Geldern finanzierte Sicherheitssystem SIVE (Integrated External Vigilance System) scannt mittels hochauflösender Infrarotkameras, sowie auf Türmen oder in Patrouillenbooten und Helikoptern installierter Radarsysteme das Meer vor der Küste nach illegalen EinwandererInnen. Vgl. Helmut Dietrich: Das Mittelmeer als neuer Raum der Abschreckung. Flüchtlinge und MigrantInnen an der südlichen EU-Außengrenze, Forschungszentrum Flucht und Migration (FFM) (Hg.), Berlin 2005, www.ffm-berlin.de/mittelmeer.html

[4] Ebd.

[5] Vgl. www.fadaiat.net sowie www.borderlineacademy.org

[6] Die Borderline Academy wurde als Laboratorium von Susanne Lang und Florian Schneider (kein.org) geplant und in Zusammenarbeit mit Fadaiat realisiert. „Borderline“ referiert gleichermaßen auf die territoriale Grenze wie den psychischen Grenzzustand. Vgl. estrecho.indymedia.org/tanger/