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Die IG BILDENDE KUNST ist eine Interessenvertretung der bildenden Künstler_innen in Österreich. Wir initiieren kulturpolitische Debatten und intervenieren in Entscheidungsprozesse, die Auswirkungen auf Arbeit und Leben bildender Künstler_innen haben. Unsere Aktionsfelder sind Kunst, Politik, Service und Zeitung. Wir fordern: Freiheit der Kunst! Recht auf soziale Rechte! Bleiberecht für alle! Gleiche Rechte für alle!

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Wir greifen Raum:

Die Bedeutung von Schwarzen selbstbestimmten Räumen

im österreichischen Kontext

Claudia Unterweger

Recherchegruppe zu Schwarzer österreichischer Geschichte

Ausgrenzen, Abschieben, Verdrängen. Vorgehensweisen mit Tradition im Bezug auf die seit Jahrhunderten nachweisbare Anwesenheit und Geschichte Schwarzer Menschen in Österreich. Unsere Bewegungsfreiheit ist immer noch eingeschränkt, unser (Über-)Lebensraum steht permanent auf dem Spiel. Entmenschlichende Gewalt im öffentlichen Raum: „N_ raus!“ auf Häuserwänden, tätliche Übergriffe, rassistische Zerrbilder in den Medien. Schweigend „abgesegnet“ von den Autoritäten, oder selbst verantwortet. Die Botschaft ist klar: Weg mit euch. Ihr habt hier keinen Platz.

Diese Ausgrenzung steht in einer Tradition des angestrengten „Ent-innerns“ (Nicola Lauré al Samarai, Inspirited Topography). Die weit zurückreichenden historischen Spuren Schwarzer Frauen, Männer und Kinder hierzulande wurden verwischt und ausgelöscht. Übrig ist ein kümmerlicher Rest an exotisierenden Fremddarstellungen Schwarzer Menschen, reduziert zu kuriosen (Forschungs-)Objekten. Die historische (und gegenwärtige) Verwurzelung der afrikanischen Diaspora in Österreich ist kaum bekannt, und war auch vielen von uns Mitgliedern der Schwarzen Communities hierzulande nicht bewusst. Durch die Gründung einer Schwarzen Recherchegruppe sind wir nun dabei, verdrängtes Wissen über die Schwarze österreichische Geschichte zu bergen, ihm neuen Raum zu verschaffen und uns dadurch als Schwarze Menschen in diesem Land neu zu verorten.

„Was aller Welt unmöglich scheint …“ (aus der Mozart-Oper Die Entführung aus dem Serail)

Entscheidend bei dieser Gegen-Geschichtsschreibung ist die Schwarze Perspektive, aus der wir versuchen, diese hidden histories zu rekonstruieren: eine re/visionäre Geschichtsschreibung jenseits voyeuristischer Darstellungen der „exotischen Anderen“, befreit von gängigen Rassismen und Sexismen. Unsere VorfahrInnen der Diaspora in Österreich nicht als Objekte darzustellen, sondern als handelnde Subjekte ihrer/unserer eigenen Geschichte zu begreifen – als Menschen mit eigenen Lebensrealitäten, speziellen Überlebensstrategien und Eigen-Sinn. Und obwohl die Schwarze Geschichte dieses Landes letzten Endes bruchstückhaft bleibt, scheuen wir als Schwarze RechercheurInnen nicht davor zurück, Fragen aufzuwerfen nach Aspekten, die sich nicht mehr rekonstruieren lassen, sowie mögliche historische Gegen- Entwürfe zu zeichnen.

„Talking back from the margins“ (bell hooks, Talking back)

Dieser emanzipatorische Ansatz der Schwarzen Geschichtsschreibung verfügt über eine radikale politische Dimension. Allein die Tatsache, dass wir als marginalisierte Schwarze Menschen gemeinsam Raum besetzen, uns nicht verdrängen und brechen lassen, sondern uns geistig und physisch einen eigenständigen Ort schaffen, bedeutet Widerstand. Unser Dasein und unser selbstbestimmtes emanzipatorisches Tun ist ein Aufbegehren gegen die allgegenwärtige weiße Dominanz, nicht zuletzt gegen das weiße HistorikerInnen-Establishment Österreichs. Eigenmächtig machen wir uns zu AutorInnen und Autoritäten unserer eigenen Geschichte, erzählen selbst, statt erzählt zu werden, erobern öffentliche und mediale Räume zurück – und machen sie erkennbar, als das, was sie (auch) sind: Schauplätze Schwarzer österreichischer Geschichte und Gegenwart. We are here to stay.


Claudia Unterweger ist Redakteurin bei Radio FM4 und Aktivistin bei Pamoja. Derzeit ist sie Mitarbeiterin der Recherchegruppe zu Schwarzer österreichischer Geschichte und Gegenwart im Rahmen des Wiener Mozartjahr 2006: Verborgene Geschichte/n. remapping mozart.