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Raum greifen klingt aggressiv: Etwas Raum greifendes nimmt ein und füllt aus. Wenn Raum als geronnenes soziales Handeln verstanden wird, lässt sich Veränderung und Gestaltung von Räumen aber auch weniger gewaltsam denken. Raum greifen muss nicht mit Brutalität und Ausschluss einhergehen, mit Macht hat es aber immer zu tun. Denn die Möglichkeiten, Räume zu konstituieren, hängen von gesellschaftlichen Positionen ab. Und von sozialen und politischen Konstellationen, die erst die Möglichkeiten bereitstellen, kollektiv zu agieren und damit auch noch Effekte zu zeitigen.
Im Gegensatz zum Ort oder zum Territorium ist der Raum immer in Bewegung, eine in jeder Hinsicht dynamische Angelegenheit. Auch Territorien verändern sich, können aber ohne Grenzen nicht existieren. Auch Orte variieren ihre Bedeutung, aber sie sind beständig und werden gemeinhin als Ergebnisse vorher getätigter Unternehmungen, ausgefochtener Kämpfe oder gemeinsamer Erinnerung verstanden. Für den Raum ist demgegenüber der Prozess entscheidend. All das sind theoretische Übereinkünfte, die aber für politisches Handeln getroffen werden müssen. Mit dem prozessualen und dynamischen Verständnis des Raumes lässt sich auch die Idee des Raumgreifens von kolonialistischer Landnahme oder geopolitischen Feldzügen abgrenzen. Im Gegensatz zur Eroberung von vorbestimmt Gemeintem („Volk ohne Raum“), wäre Raum greifen dann der positive Bezug auf soziale Kämpfe: Gerade weil es keinen immer schon gewesenen, vorherbestimmten oder unberührten Raum einzunehmen gibt, sind raumgreifende Strategien immer als soziale Kämpfe zu verstehen, in denen das, was ergriffen wird, erst neu hergestellt werden muss.
Der zu ergreifende Raum in diesem Sinne kann konkret städtischer, aber auch nicht-ortsgebundener, transnationaler Raum sein. Er konstituiert sich als öffentlicher Raum oder aber auch als Nische, also als eine Art Schutzraum (für unterdrückte Minderheiten beispielsweise). Während sich politischer Aktivismus oft von konkreten Räumen ausgehend formiert (einem besetzten Haus oder Wagenplatz etwa), durchqueren die zuständigen Wissenschaften ziemlich viele Disziplinen: Von der kritischen Architektur über die Raumplanung und die soziologische Stadtforschung bis hin zu Gender-Forschung und Kunstgeschichte.
Nicht erst seit der Erfindung der Zentralperspektive ist die Herstellung von Räumen auch ein immanent künstlerisches Problem. Mit der Emanzipation künstlerischer Techniken von Tafelbild und Leinwand wird die Frage, wer wie Räume produziert, nicht mehr nur als werkimmanentes Thema verhandelt. Künstlerische Praktiken docken immer wieder an außer-ästhetische Raumfragen an: Sie verweisen auf Blickregime, die Räume einteilen, zergliedern, aneignen (und stellen sie in Frage oder verdoppeln sie). Oder sie zeigen auf, wie verschiedene – städtische, das künstlerische Feld betreffende oder auch patriarchale – Räume strukturiert sind und benennen Strategien und/oder eröffnen Perspektiven, um solche Strukturen zu verschönern, zu umgehen, zu durchbrechen oder auch zu bekämpfen.
Jens Kastner ist Soziologe und Kunsthistoriker und lebt als freier Autor in Wien. Er ist koordinierender Redakteur des Bildpunkt.
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