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Raum greifen im Buch

Jens Kastner

Räume sind keine gegebenen Orte, Plätze, Territorien, sondern ein Raum kann definiert werden als „relationale (An)ordnung sozialer Güter und Lebewesen“. Martina Löw jedenfalls schlägt diese Definition in ihrem Grundlagenwerk vor. Sie legt damit den Schwerpunkt auf die Frage des Prozesses der Herstellung von Räumen. Was wie angeordnet wird, wie also auch Raum ergriffen werden kann, hängt von verschiedenen Faktoren ab: von symbolischen und materiellen Strukturen wie auch von habituellen und körperlichen Möglichkeiten der Handelnden. Räume sind damit immer „Gegenstände sozialer Auseinandersetzung“.

Um Prozesse geht es auch den Herausgebern von Raum – Dynamik, nämlich um solche der Symbolisierung, der Wahrnehmung und der Erfahrung. Deren soziale Voraussetzungen lassen die geistesund kulturwissenschaftlichen Aufsätze allerdings außen vor. Was Raum eigentlich ist, entziehe sich der „definitorischen wie perzeptiven Festlegung“, dennoch – oder deshalb – sei es gerade die symbolische Praxis der Künste und der Literatur, in der „die Kategorie Raum als dynamische am deutlichsten hervortritt“. Von Hans Holbein bis zur situationistischen „Bereitschaft zur Entgrenzung“ (Hanno Ehrlicher) reichen dementsprechend die Beispiele.

Die Werke der großen Namen der Gegenwartskunst sind in Art Works/Ort mit kurzen Texten verschiedenen Ortskategorien zugeordnet. Wenn auch recht kontingent (Allen Sekula „Anderswo und Nirgendwo“, Janet Cardiff auf „Wanderschaft“, Dan Graham in der „Stadt“ etc.), so doch schön anzuschauen. Ein bilderreiches Kompaktwissen für ortsunkundige Kunstinteressierte.

Weil die Räume sich ständig verändern, meint der Philosoph Michel Serres, brauchen wir neue Karten. Am besten gleich einen Atlas. Der soll uns zeigen, wo wir sind und was wir tun sollen. Wo? In Zeiten der „Herrschaft der Information“, in der wir alle zu NachrichtenüberbringerInnen werden, Kurierdienste erledigend, durch die – „Botschaften und Boten“ – sich der Erdball konstituiert. Was tun? Wir hätten die Welt „genug verändert oder ausgebeutet“ (sic!), nun gehe es wieder darum, sie zu verstehen. Besonders hilfreich sind die flüchtig gesetzten Skizzen von Serres aber nicht einmal dabei. Wer mit „wir“ immer nur das reichste Zehntel der Weltbevölkerung meint und es nicht einmal merkt, hat schlicht die selbst gestellte Aufgabe, Begriffe für die Verbindung des Lokalen mit dem Globalen zu finden, verfehlt.

Künstlerische Arbeiten und visuelle Politiken, die sich diesem Zusammenhang widmen, stellt das Buch Grenzbespielungen vor. In welcher Gesellschaft wir eigentlich leben – Globales Grenzland oder Post-Kolonie (Christian Höller) – und mit welchen Räumen wir es zu tun haben, wird in dem Sammelband um einiges eloquenter behandelt. Der in den Kulturwissenschaften gefeierte Dritte Raum (Homi Bhabha) wird hier auch von der Seite betrachtet, die sich „tendenziell auf den Ausnahmezustand hin öffnet“ (Hito Steyerl).


Jens Kastner ist Soziologe und Kunsthistoriker und lebt als freier Autor in Wien. Er ist koordinierender Redakteur des Bildpunkt.


Bismarck, Beatrice von (Hg.): Grenzbespielungen. Visuelle Politik in der Übergangszone. Leipzig/Köln 2005, Galerie der Hochschule für Grafik und Buchkunst / Verlag der Buchhandlung Walther König, 256 S., 24 €.

Dean, Tacita und Jeremy Millar (Hg.): Art Works. Zeitgenössische Kunst: Ort. Hildesheim, Gerstenberg Verlag, 208 S., 25,60 €.

Hofmann, Franck, Jens E. Sennewald, Stavros Lazaris (Hg.): Raum – Dynamik. Beiträge zu einer Praxis des Raums. Bielefeld 2004, Transcript Verlag, 352 S., 26,80€.

Löw, Martina: Raumsoziologie. Frankfurt a.M. 2001, Suhrkamp Verlag, 309 S., 12 €.

Serres, Michel: Atlas. Berlin 2005, Merve Verlag, 257 S.,
19,80 €.