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Bildpolitik und ihre Angst vor Bildern

Andreas Spiegl

Wenn von Bildpolitik die Rede ist, dann von einer Politik der Bilder; genauer: von der Vorstellung, dass Bilder dafür herangezogen werden, ein bestimmtes Bild der Realität zu konstruieren – und dieses Konstrukt so zu vermitteln, als wäre es keines, sondern nur das selbstberedte Abbild dessen, was als Realität erscheinen soll. Was in dieser Politik der Bilder verschwindet, ist nicht etwa eine wahre Realität, die vorenthalten wird, sondern es sind die Bilder selbst. Wenn eine Politik der Bilder die Bilder mit einer Vorstellung von Realität identifiziert, dann erscheint die Realität gleichsam als Bild ohne selbst ein Bild zu sein. In diesem Sinne bedeutet Bildpolitik die Arbeit am Verschwinden des Bildes, um einer Realität Platz zu schaffen, die nicht als Bild, sondern als Realität erscheint. Man könnte deshalb behaupten, dass Bildpolitik primär ein Interesse daran hat, die Realität wesentlich als Erscheinung zu vermitteln – unabhängig davon, ob diese Erscheinung nun die konventionellen Vorstellungen von Realität bestätigt oder in ein kritisches Licht rückt. Wenn hier von Erscheinung die Rede ist im Unterschied zum Bild, dann plädiert die Erscheinung für eine Form von anwesender Abwesenheit: Was zu sehen ist, ist erscheinungstechnisch grundsätzlich erst mal nicht da – eben bloße Erscheinung, die sich vom Bild dadurch unterschiedet, dass das Bild auch ein Interesse an sich selbst haben könnte: ein Bild, das auch als Bild und damit als manifester Ausdruck eines Interesses an der Wahrnehmung gesehen werden möchte. Orientiert sich das Bild an der Gegenwart der Wahrnehmung, so tendiert die bildpolitische Erscheinung zur Wahrung einer Distanz. An die Erscheinung gekoppelt ist ein Versprechen der Ferne. Bildpolitik wäre demnach Arbeit an der Entfernung einer Realität zu sich selbst, die nur unter den Bedingungen ihrer Ferne erscheinen darf. Angemerkt sei nur, dass unter den Bedin- gungen der Erscheinung für die Nähe das Gleiche gilt wie für die Ferne: Nah und fern sind nur die Variablen einer Ästhetik der Distanz. Erscheinungen sind immer zu nah und zu fern, um die Gegenwart zu erreichen. Das Einzige, das sie mit einer Gegenwart teilen, ist ihre Gleichzeitigkeit. Deshalb ist für eine Bildpolitik das Interesse am Zeitpunkt des Erscheinens der Realität mindestens so wichtig wenn nicht wichtiger wie die entsprechenden Erscheinungen selbst. Der Grund dafür liegt wahrscheinlich darin, dass diese Erscheinungen stets Gefahr laufen, wieder als Bild wahrgenommen zu werden – wieder zum Bild zu werden, das sie immer schon waren, und sich damit einer Wahrnehmung aussetzen, für die das Bild um seiner selbst willen plädiert. Allein das Insistieren auf den Bildstatus der Erscheinung erlaubt danach zu fragen, wer ein Bild warum und wie mit welchen Motiven und Motivationen entwickelt hat und wer welche Rolle der Betrachtung im Auge hatte. In diesem Sinne sieht sich Bildpolitik immer vor die Aufgabe gestellt, weniger an Bildern einer Gegenwart zu arbeiten, sondern die Gegenwärtigkeit ihrer Erscheinungen erscheinen zu lassen. 


Andreas Spiegl ist Kunstkritiker und Kurator und lebt in Wien.