IG Bildende Kunst Logo
Die IG BILDENDE KUNST ist eine Interessenvertretung der bildenden Künstler_innen in Österreich. Wir initiieren kulturpolitische Debatten und intervenieren in Entscheidungsprozesse, die Auswirkungen auf Arbeit und Leben bildender Künstler_innen haben. Unsere Aktionsfelder sind Kunst, Politik, Service und Zeitung. Wir fordern: Freiheit der Kunst! Recht auf soziale Rechte! Bleiberecht für alle! Gleiche Rechte für alle!

Solidarisieren, Mitglied werden, Vorteile genießen!

Bildproduktion als politische Praxis?

sandy k.

Der Blick pendelt zwischen Happynese – Gandhi, zwischen klugen Köpfen dahinter und test it!. Über pralle Brüste und Waschbrettbäuche hin zu coolen Apple i-Pod Spielzeug-Styles, Zigarettenmarkenalltagspraxen – durch die Straßen bis in die Cafes oder Kneipen, in denen wir uns bewegen, in die Zeitschriften, die wir abends nach dem Ausknipsen der Leselampe zur Seite legen … „Wie wollen wir Leben?“ – „Just do it!“ … was noch mal?

„ ,Warum bin ich derart entfernt von der Kultur und ihrer Repräsentation‘ ist so eine soziale Frage. Wenn jemand diese Bilder nicht versteht, dann stellt das seine Beziehung zur heutigen Kultur in Frage. Wenn wir Bilder machen, selbst politische, dann versuchen wir, sie nicht exklusiv zu machen. Wir machen keine Bilder um Leute auszuschließen, sondern eher um Fragen zu stellen.“[1]

Irgendwann in diesem nicht kommen wollenden Berliner Sommer stolpert ein Anruf aus Wien zwischen mich und den 22 Zoll Monitor[2] vor mir. Ob ich Lust hätte, einen Beitrag für die Zeitschrift Bildpunkt zu schreiben, fragt es aus dem Telefonhörer, während schon in meinem Kopf die Bilder von meinem einzigen Aufenthalt in Wien vor etlichen Jahren flimmern: Ein besetztes Haus namens EKH und ein mich beeindruckendes Brecht- Theaterstück-Video irgendwo gesehen – von den Mozartkugeln und dem Prater abgesehen, die auch nach vorne drängen wollen – mein Beitrag solle, wenn möglich, „Bildpolitiken als politische Praxis“ behandeln …

„Die Lösung ist politisch nicht bildnerisch, das ist klar. Das wäre zu schön. Aber man kann schon mal damit beginnen, Bilder zu vermeiden, die auf diesen Abgrund hinsteuern. Die soziale Kluft ist zwangsläufig begleitet von der Ausgrenzung eines Teils der Menschen. Wenn die vorherrschenden Bilder das anbieten, dann heißt andere Bilder machen schon Widerstand leisten (résister), wie es auch sei. Damit wird schon ein anderer Typus Gesellschaft vorgeschlagen. Und da sind wir mitten im Sozialen.“[3]

Der Chefredakteur an der anderen Seite der Leitung erklärt dann noch, dass es die Zeitung der Interessenvertretung der bildenden KünstlerInnen in Österreich ist und, dass es nun so etwas wie einen Relaunch, ein neues Konzept wie auch ein komplett neues Design geben wird. Die bestimmt die Wiener-österreichischen Menschen komplett langweilenden stereotypen Mozartkugel- Bilder in meinem Kopf sind glücklicherweise schon leicht verflogen und werden nun von der Arbeitssituation der GestalterInnen, die dieses neue Design entwickelt und nun wohl auch diese Zeilen in Form gebracht haben, abgelöst.[4] Während wir noch über ein nicht illustratives Bildredaktions- bzw. Layoutkonzept reden, muss ich an die Le Monde Diplomatique denken und deren Bildkonzept, welches ich nicht besonders mag. Irgendwie ist mir da der Zwischenraum zwischen Verbalem und Visuellen zu groß, als dass sich darin eine produktive Spannung ergeben könnte … Bin also schon gespannt, wie das nun hier in diesem beschnittenen A4 Hochformat (210mm breit und 265mm hoch) angelegt ist, jenseits von „schön“ oder komischem Understatement aufgeladenen, visuellen Strategien. Nach dem Telefonat frage ich mich dann noch, wer denn dieses Heft wohl lesen werden mag, was für Leute denn in dieser IG Bildende Kunst organisiert sind und was das denn für ihre künstlerisch gestalterische Praxis bedeuten mag, diese Zeitschrift zugeschickt zu bekommen …?

„(…) Jedes Bild ist sozial. Jedes Bild wurde dafür gemacht, die Menschen zu sozialisieren. Interessanter Weise könnte man aber sagen, dass es nicht-soziale Bilder in der Hinsicht gibt, dass sie eher die Tendenz haben, eine Distanz zwischen den Menschen zu schaffen. Und es gibt Bilder, die schaffen eine Annäherung, die Lust machen auf Diskussionen. (…) Wenn wir also soziale oder auch kulturelle Bilder machen, dann deshalb, um Beziehungen und Diskussionen zu schaffen. Haben wir dieses verfehlt, sind das immer noch Bilder, die dem Individuum Fragen stellen. Und diese Fragen stehen immer in Beziehung zu seinem Platz in der Gesellschaft.“[5]

Dieses Zitat mag banal klingen, wenn man es in Bezug auf den Kulturbetrieb denkt. Denn welche ernsthafte künstlerisch-gestalterische Arbeit will keine Fragen aufwerfen, die das Individuum in ein Verhältnis zum Gesellschaftlichen setzt und darüber einen Dialog suchen?[6] Künstlerische Bilder bzw. Arbeiten werden somit meist explizit als gesellschaftlich relevant und politisch in diesem Sinne rezipiert und vertrieben. Im Gegensatz dazu werden Bilder und Gestaltung aus der angewandten Kunst (DTP-Welt, Grafikdesign, Werbung etc.) leider meist nur als Verpackung für weiteres betrachtet, obwohl sie sicherlich in ihrer kommunikativen Anlage genau so komplex wie die eher aus dem Kunst/Kulturbetrieb entspringenden Bilderwelten sind und ihr Distributionsgrad die anderen bei weitem übersteigt. Anders gesagt: Das Bild, die Bezüge und Fragen, die mit dem Design, der Gestaltung dieses Heftes vorgeschlagen werden, werden sicherlich weniger diskutiert werden als die anderen Inhalte und Positionen, die hier offensichtlicher in Bild und Text vertreten sind – obwohl es das Design ist, das den Bildern und den Texten ein „Gesamtbild“ verleiht, sie visuell-gestalterisch kontextualisiert und somit Teil dessen wird.

Von politischen Bildern[7] auf der einen und unpolitischen Bildern auf der anderen Seite zu reden, ist eine Reduktion, die dem Distributionskontext, der Lesart und dem „Rezeptionsverhalten“ geschuldet ist. Genau so, wie man vielleicht gerne über das „politische Plakat“[8] oder so etwas wie „politische Kunst“ redet, so etikettiert man eben dabei indirekt das Kommunikationsdesign, die Werbung, die angewandte Kunst weniger als politische Bilderwelten – und vernachlässigt in der Reflektion, wie skizziert, den gestalteten Raum, in dem die Bilder zu den Leuten sprechen. Bildproduktion und Gestaltung ist immer gesellschaftliche, politische Praxis. Wer die Frage der Bildpolitik stellt, stellt die Frage nach der Politik. Wer seine Bildproduktion nicht unter den Limitierungen des Produktionskontextes betrachten mag, die Frage der gesellschaftlichen Machtverhältnisse nicht stellen mag, der gestaltet Bilder, betreibt Kommunikation, aber nicht unbedingt Politik und bleibt in der Distribution seiner Bilder und Inhalte immer analog zu den Begrenztheiten des entsprechenden Marktes.

Jede Zeitschrift ist sozial. Jede Zeitschrift wurde dafür gemacht, die Menschen zu sozialisieren. Interessanter Weise könnte man aber sagen, dass es nicht-soziale Zeitschriften in der Hinsicht gibt, dass sie eher die Tendenz haben, eine Distanz zwischen den Menschen zu schaffen. Und es gibt Zeitschriften, die schaffen eine Annäherung, die Lust machen auf Diskussionen. Wenn wir also Zeitschriften machen, dann deshalb, um Beziehungen und Diskussionen zu schaffen. Haben wir dieses verfehlt, sind das immer noch Hefte, die dem Individuum Fragen stellen. Und diese Fragen stehen immer in Beziehung zu seinem Platz in der Gesellschaft.

Die Kunst- und Kulturwelten und ihre Publikationen sind langweilig, wo sie Betrieb sind. Interessant, jenseits von den konkreten Inhalten künstlerisch-kultureller Arbeiten, wird es immer dort, wo sich Schnittstellen herstellen lassen und Verschiebungen provoziert werden. Dort muss man sich verhalten, ins Verhältnis setzen, sich ggf. auch durchsetzen können. Dort könnten Bildpolitiken, kann Gestaltung, mächtig werden – dort werden Interessen verhandelt bzw. ausgekämpft. Alles Weitere halten Sie in Ihren Händen.


sandy k. ist freier Grafik-Designer, Creative Director und Aktivist bei Kanak Attak. Er lebt und arbeitet in Berlin.


[1] Vincent Perrottet: Les Graphiste Associés. In: Neue Gesellschaft für Bildende Kunst (Hg.): politisch/soziales engagemnet & grafik design, Berlin 2000, S. 33-41, hier S. 33f.

[2] Neben dem 22 Zoll Montitor steht noch ein zweiter 21 Zoll Monitor – zusammen also ca. 43 Zoll Monitorfläche am Augenarbeitsplatz.

[3] Vincent Perrottet, S. 36.

[4] Wohl weil ich auch gerade am Layouten bin während ich den Telefonhörer zwischen Schulter und Ohr klemme …

[5] Vincent Perrottet, S. 33.

[6] Es sei denn, man ist selber zufrieden mit einer (Distinktions-) Kunst/Kultur/ Marktstrategie oder gar einer subkulturellen Aquarellmalereipraxis oder ähnlichen Binnenminipraktiken (was auch total o. k. ist).

[7] Ich gebrauche also den Begriff „Bild“ hier im weitesten Sinne – also im Sinne „einer Sache ein Bild geben“: Bild, Gestaltung, Ästhetiken und Form bis hin zum Schriftbild (Typographie, Layout etc.).

[8] Eine wunderbare Sache übrigens, dieses Innenteilplakat! Ein anderes Medium in diesem – wenn auch DIN A3 (beschnitten) noch nicht wirklich Plakat genannt werden sollte. Bleibt nun abzuwarten, ob die werte Leserschaft es auch herausnehmen wird … – wobei ich ja finde, man sollte dieses Plakat den GrafikerInnen als Gestaltungs-Schmankerl überlassen …